· 

THE RACE 2019


"The Race is a 250 km unsupported endurance event across the rugged landscape of North West Donegal. To finish competitors have to complete 15km of kayaking, 166km of cycling, 5km of mountain running and 64km of road and trail running. Crucially, they must complete all this in under 24 hours. It is aimed at providing the ultimate 24 hour test of endurance."



Es muss irgendwann zum Jahresanfang 2017 gewesen sein, als mir mein Laufkumpel Stephen bei unserer wöchentlichen Trainingsrunde in meiner Heimat Ennepetal, von diesem „The Race“ erzählte. Immer Mittwochs traf ich mich da noch mit den Sportfreunden Ennepetal zum Longrun. Meistens erzählte ich wieder von irgendeinen Marathon oder Ultra an dem ich an dem vorangegangene Wochenende teilgenommen hatte. Stephen sagte, „ey  Patrick ich weiß was für dich, nimm doch mal an The Race teil, das ist in meiner Heimat Donegal in Irland, da musst du 250 Km in 24 Stunden schaffen, verteilt auf Kayak fahren, Laufen und Rennrad fahren.“. Ich dachte mir, ja geil, klingt gut aber das denke ich immer wenn mir jemand von was Neuem beim Laufen erzählt. Wieder zu Hause schaute ich mir natürlich sofort die Website an. Hammer! Was für Bilder, was für eine Landschaft, was für eine Herausforderung. 

 

Die Idee war gepflanzt und ließ mich nicht mehr los. Stephen und ich sprachen noch einige Male beim Training darüber, dann ging es von März bis Juni für ich erstmal nach München. Die Teilnahme 2017 war da für mich komplett ausgeschlossen. Immer im März stattfindend wäre das gar nicht mehr möglich gewesen. Aber ich kümmerte mich um die ersten Eckpunkte der Organisation, telefonierte mit einem befreundeten Kayaklehrer und setzte mich immer wieder mit dort zurückzulegenden Distanzen auseinander. Achja Radfahrer? Kann ich ja eigentlich. Ich hab ein Rennrad, ich kann damit fahren. Ich laufe Ultras, ach eigentlich kann ich teilnehmen. 

 

Nö, auch für 2018 habe ich mich nicht angemeldet. Über das Jahr hinweg verflog erstmal die Idee und viele tolle Läufe in den Bergen und sonst wo standen auf dem Zettel. Dann kam der Februar 2018 und ich bekam mit, wie der Lauf wegen zu schlechten Bedingungen auf April verschoben wurde. Da war ich einerseits heilfroh, dass ich nicht dabei gewesen wäre aber als ich dann das Wetter bei der Austragung 2018 im April sah, da wäre ich schon gerne gestartet. Traumhafte Bedingungen. Aber gut. Dann halt 2019 und ich meldete mich an! Scheiße was hast du getan? eine Stange Geld gezahlt und die Gewissheit, dass es im März 2019 nach Irland zum Race geht. Trainieren? Ja, klar, ist doch noch ewig Zeit, fast ein ganzes Jahr. Das mache ich schon. 


Das „Traininig“

 

Zeitsprung! Februar 2019, so langsam könnte ich mal Kayak fahren trainieren, das hast du schließlich noch nie gemacht, warum sollte das auch dann direkt in einem Wettkampf über 250 Km mit der Kayak-Strecke auf dem Atlantik das 1. mal klappen. Komm Junge wenigsten 1-2 musst du vorher gefahren sein. Beide Trainings auf der Dove Elbe, komplett ruhiges Gewässer, klappten super gut, 18 km und 16 km und ich wusste zumindest wie es geht und das ich es über diese Distanz aushalte. Auf den letzten Drücker aber noch rechtzeitig konnte ich das also abhaken. 

 

Klugerweise hatte ich mein Rennrad, vor meinem Umzug nach Hamburg um Oktober 2018 verkauft. Ja ich kauf mir dann ein Neues. Machte er nicht, hmpf. Zum Glück gibt es da einen Chris Anger von Laufsport Bunert Wuppertal, der mir kurzerhand erst einmal sein altes Rad geliehen hat. Perfekt. Damit habe ich immerhin knapp 500 Km in der unmittelbaren Vorbereitung zurück legen können. Gelaufen bin ich ohnehin immer genug. Mein 100 Tage Streak, diverse Ultras und Marathons im Vorfeld und ich fühlte mich erstmal gut. 

Doch das Gefühl war trügerisch. Irgendwie war mir in den Wochen vor dem Race nicht wirklich klar, dass ich bald tatsächlich im Norden Irlands sein werde um dort dieses ultimativ krasse Rennen zu bestreiten, Ich doch nicht, das ist doch gar nicht meine Liga, sowas habe ich doch noch nie gemacht und ich hasse doch Fliegen. Gekonnt habe ich das Woche für Woche ausgeblendet, eine komisches Gefühl im Bauch hatte ich dennoch permanent. Und die Zeit lief ja nicht rückwärts, der 23. März rückte immer näher. 



Letzte Vorbereitungen

 

Okay, nun war auch der Flug gebucht, die Unterkunft, der Mietwagen, die Materialliste bin ich hunderte Mal durchgegangen. Ich habe mir besorgt was zu besorgen war, es ging über in eine regelrechte Materialschlacht. Alles rund ums Rennrad, Ersatzreifen, Flickzeug, Helm, Pumpe, Kleidung, und und und. Und Moment, ach ja, auch ein Rennrad. Wie komme ich denn da nun ran? Das war zum Glück schneller geklärt als gedacht, eine Mail an Racedirector Sean und ich hatte eins zur Leihe. Vielleicht nicht optimal, 165 Km Rennrad zu fahren auf einem Rad welches man vorher noch nie gesehen hat. Aber unterm Strich hat es ja geklappt. 

 

Es gab so viel zu beachten, so viel zu packen und zu besorgen. Manche Sachen als Pflichtausrüstung, andere als Empfehlung und wieder andere Dinge zur Sicherheit, besser man hat es dabei, dachte ich mir. Es gab so viele Unbekannte, das machte mich so nervös. Immer noch und tagelang. Im März war es kaum noch auszuhalten. Die letzten Tage verliefen wie im Flug und plötzlich stand ich am Flughafen Hamburg bzw. saß auch schon im Flieger. Ich war „bewaffnet“ bis unter die Zähne, 20 Kilo Gepäck und 2 x Handgepäck platzen aus allen Nähten. 

Kurz vor Abflug wurde mir klar, dass es in Irland ja Linksverkehr gibt, gut fürs Autofahren dort war es mir schon ein paar Tage eher aufgefallen, doch das galt ja auch für das Rennen. Die Strecke war zwar markiert aber nicht gesperrt. „Keep left whenever it´s possible“ lautete es im Regelwerk. Ansonsten waren Zeitstrafen oder sogar eine Disqualifikation drin. Man man, worauf hatte ich mich da eingelassen?

 

Ich entschuldige mich hier noch einmal bei allen die in dieser Zeit mit mir kommuniziert haben oder es sogar persönlich mit mir ausgehalten haben. Gefühlt konnte ich keinen Satz gerade aus sprechen und klar denken war auch nicht drin. 

Nach der Landung in Dublin ging es den Mietwagen holen, schnell zu IKEA die 4 Boxen für die Wechselzonen besorgen und dann auf circa 3 Stunden fahrt nach Letterkenny ins Hotel. Whiskey und Guiness und ich war das erste Mal nicht mehr ganz so nervös. Cheers. 



Das Rennwochenende

 

Mittlerweile ist es Freitag, der Tag vor dem Rennen. Die Nacht verlief ruhig, klar leicht angetrunken schläft es sich besser. Aber dafür jetzt wieder Nervositätslevel 1000. Es ging von Letterkenny rüber nach Gartan, zum Start/Zielbereich. Ab jetzt verschwimmt meine Erinnerung, was ich in welcher Reihenfolge gemacht habe bekomme ich nicht mehr zusammen. Eins ist klar ich war den ganzen Tag nervös und zittrig. Zu erledigen waren noch folgende Punkte: Registrierung, Rennrad abholen und zum Bike Wechsel nach Rathmullan bringen (der Station nach dem Kayak fahren), die Drop Boxen fertig machen, beschriften und abgeben, die Unterkunft für die folgenden 2 Nächte beziehen, gut Essen und alles bereit legen und dann zum finalen Briefing und danach ab ins Bett. Die Wetteraussichten waren gut, but it´its Donegal, you´ll never know, sagte der Racedirector. So ein Wetter wie wir es am Freitag hatten und ich wäre nicht gestartet, unermüdlicher Sturm und Regen satt, die Nacht war so unruhig und gefühlt flog das Haus davon. 

 

Dann klingelte der Wecker, es war 3:00 Uhr in der Nacht - Frühstück - very British, Mist nix für mich und nichts eigenes dabei, also Porridge mit Banane und Toast mit Butter. Wird schon passen. Die Stunden vergangen und kurz vor 5 fanden wir uns auf dem Vorplatz des Raceoffices wieder. Es lag alles nah beieinander und ich konnte vom Startbereich fast mein Bett sehen, da wollte ich auch am liebsten wieder hin. Mama ich will nicht. 

 

Der Start - Stage 1 

 

Doch dann ging es los, Sean zählte runter, die Anlage funktionierte nicht, es war so auch laut genug, und wir starteten in die Nacht. Ich erinnere mich an diese letzten Sekunden vorm Start als wären sie in meinen Kopf eingepflanzt. Zeitlupe und doch Vollgas. Was war denn hier los? Alle rannten los als laufen wir nur einen Halbmarathon und dann ist Schicht im Schacht. Verdammt ich hatte mir doch so viele Gedanken gemacht und immer wieder die Zeiten der Vorjahre verglichen und analysiert. Aber das Tempo war zu krass. Ratz fatz waren die ersten 10 Läufer weg und fast nicht mehr zu sehen. Ich hatte einen Puls bis nach Meppen und brauchte fast 5 Kilometer um mich zu fangen. Dann war ich langsam im Rennen und fand einen Begleiter der sich rührend um mich „kümmerte“. Alle 5 Minuten kam ein „you´re okay?“ Ich machte anscheinend einen sehr hilfsbedürftigen Eindruck aber nein, so fühlte ich mich nicht mehr, es lief super. Mit glatter 4:40 min/km Pace liefen wir gemeinsam die knapp 23,5 Kilometer nach Ramelton zur Wechselzone in die Kayaks. 

Und es wurde Traumhaft, kurz vor Ramelton um circa 6:30 Uhr ging die Sonne am Horizont auf, es regnete nicht mehr und es war fast windstill. Die Wolken machten Platz und es war einfach ein Gänsehaut-Moment. The Race war voll im Gange, wir machten die Kopflampen aus und liefen die letzten Kilometer im Sonnenaufgang. Dann der erste Wechsel in einer Turnhalle, alles perfekt organisiert. Die durchnummerierten Boxen standen in Reihe und Glied. Schnell trocken angezogen und weiter in Richtung Ufer. Zwei Betreuer kümmerten sich super schnell um einen, zogen die Schwimmweste an, reichten das Paddel und stellten das Kayak ans Ufer, halfen beim Einstieg und los ging es. Verdammt! Was war das? Diese „Sit-On-Top-Kayaks“ waren ganz großer Mist, zumindest  für einen Anfänger, das hatte ich so aber nicht geübt, man fuhren die sich kacke und vor allem langsam. Aber gleiches Recht für alle. Damit musste jeder klar kommen und nach den ersten Minuten war ich Flow. 

 

Kayak - Stage 2

 

Mit der Tide ging es raus aufs Meer in Richtung Rathmullan. Knapp 15 Kilometer, eine menge Wasser und immer noch ein traumhafter Sonnenaufgang lagen vor mir. Man war das schön, am liebsten Wäre ich stehen geblieben und hätte es einfach nur genossen aber setzte man auch nur einen Paddelschlag aus oder kam aus dem Rhythmus, dreht sich das Kayak direkt weg. Also konzentriert bleiben, auf Zug und dennoch versuchen so viel es geht zu genießen. Kleines Annekdötchen am Rande, ich hielt den Kopf eines Seelöwen für eine Boje und steuerte direkt darauf zu als ich bemerkte, dass es anders war. Aber es ist alles gut gegangen und das liebe Tier hat mich in meinem Kayak sitzen lassen und ich habe es nicht erwischt. 

 

Rennrad - Stage 3

 

Angekommen in Rathmullan stand Stage 3 an. Nun lagen 97 Kilometer auf dem Rennrad vor mir. Genau 3,5 Stunden sind seit dem Start vergangen und ich war voll im Zeitplan. Ich habe die vergangenen Stunden gut gegessen und getrunken und gut auf mich geachtet. Also ging es frisch und motiviert auf die nächste Etappe. Umgezogen, Beine gelockert, kurz orientiert und los ging. Keep left, sagte ich mir und radelte los. 

 

Ja was soll ich sagen, es wurde die für mich härteste Etappe. Der Wind nahm unaufhörlich zu, das Streckenprofil wurde zackiger als ein Kamm. Rauf und runter immer wieder, wie auf der Kirmes, Wind von allen Seiten und hin und wieder auch Regen zerrten an meinen Kräften. Beim Kayak paddelte die „Angst“ vor viel Wind und damit verbunden starkem Wellengang immer mit und es blieb ruhig, nicht so auf dem Rad. Doch vermutlich war das für irische Verhältnisse nur ein laues Lüftchen. Und so lange bin ich ja noch kein Hamburger als das ich mich an so viel Wind schon gewöhnt hätte. 

 

Die Landschaft auf dem Wild Atlantic Way ! Unfassbar schön, immer das Meer im Blick, steile Küsten, starke Wellen und tolle Felder, Berge und Straßen lagen vor mir. Übrigens waren alle 250 fast lückenlos markiert und an jeder auch nur halb so kritischen Stelle bzw. Abbiegung standen Ordner die in unendlicher Freundlichkeit, Ruhe und Geduld den Verkehr geregelt und die Teilnehmer eingewiesen haben. Perfekt gemacht! Vielen Dank! 

 

Meiner Verfassung half das nicht, ich fuhr mich nach und nach leer und überspringe mal ein paar Kilometer. Bei Kilometer 80 war für mich klar ich höre auf. Das Rennen kann ich nicht beenden. Die verbleibenden 17 Kilometer bis zum Muckish Mountain schienen unschaffbar. 4 Km vor dem Ende der 3. Etappe musste ich anhalten, absteigen und in Ruhe Essen, das bisschen was ich noch dabei hatte. Dann noch mal für knapp 2 Km aufs Rad und dann wieder absteigen und schieben, dann war ich da. Die nächste Wechselzone erreicht. Ein Schiffscontainer. Ich hing mein Bike ein, wurde abgescannt und mir wurde meine Drop Box gereicht. Völlig leer, bleich im Gesicht und mit roten Augen setzte ich mich auf meinen Platz und blieb da erstmal sitzen. Tausend Gedanken im Kopf. Was tun? Extra nach Irland für das Race und jetzt DNF? Ach komme DNF ist nicht schlimm, hast du halt mehr Zeit die Landschaft zu genießen und bist heute Abend früh im Bett. Ach komm, Stage 4, den Berglauf bekommst du noch hin, genießt oben die Aussicht und hörst dann auf. Noch viel viel mehr ging mir durch die Birne. 

 

Muckish Mountain - Stage 4 

 

Nach viel hin und her, entschied ich mich zumindest noch ganz locker und entspannt hoch zum Muckish Mountain zu laufen, bzw. zu wandern. „Es kann doch nicht sein, das ich als Ultratrail-Läufer der den Transalpine Run gefinisht hat, nicht auf einen ca. 650 Meter hohen Berg komme, der insgesamt vielleicht 400 Höhenmeter hatte. 2,5 Km hoch oben anschlagen und 2,5 Km runter. That´s it, sollte machbar sein. Im Vorfeld zum Rennen wünschte ich mir, dass das meine beste Etappe wird, im Kopf flog ich den Berg hoch und wieder runter. Pusteblume. Jetzt galt es nur irgendwie hoch zu kommen, die Aussicht zu genießen und dann friedlich auszusteigen. Mindestens 15 Minuten stand ich im Aufstieg und war damit beschäftigt die Krämpfe loszuwerden. Oben war es viel wärmer und windstiller als unten. Ich genoß die gigantische Aussicht. Dann ging es etwas schneller wieder bergab, dennoch begleitet von 2-3 Krämpfen. Ein Vater mit seinem höchstens 4-jährigen stapfte an mir vorbei, oh je oh je. Was ne Grütze. 

 

Wieder zurück im Container. Es war der gleiche Start/Zielort, also die gleiche Drop Box und der Ort an dem ja auch das Rennrad stand. Ich nahm nochmal entspannt Platz. Ich muss schier unendlich viel Zeit verloren haben. So war es auch. Der Container glich einem Schlachtfeld. Zwei Sanitäter kümmerten sich um einen Mitstreiter, der dann an dieser Stelle ausstieg. Ich schaute hoch und entdeckte Paul, meinen Zimmergenossen, er kam gerad mit dem Rad an. Und ich war doch schon oben gewesen. Viele weitere Teilnehmer kamen immer noch nach und nach von Stage 3 an, viele andere waren noch auf dem Berg. Wir müssen ungefähr 16:00 Uhr gehabt haben. Die Entscheidung war gefallen! Ich zog mich um, ich schwang mich aufs Rad und weiter ging es. 

 

Rennrad - Stage 5

 

Ich sagte mir. 67 Km Rad liegen vor dir. Zieh sie durch oder steig zwischendurch aus, wenn du vor 19:30 Uhr beim letzten Wechsel bist, ist es nur noch ein Marathon & wie wir ja alle wissen „Marathon geht immer“! Den letzten Motivationsschub bekam ich von meinem „Kumpel“ von der Zeitnahme. Jetzt erstmal 8 km Bergab und dann sind es nur noch weniger als 60 Km. Eine weitere Helferin meinte, wenn du wieder so viel hunger bekommst, im nächsten Ort könne ich einkaufen. Alles klar, so machen wir es. Was soll ich sagen, 3,5 Stunden Rad, alles verlief nach Plan, wieder komplett auf der Höhe, genau das gewünschte Tempo gehalten. Das Profil dieser Etappe deutlich ruhiger, etwas weniger Wind aber auch noch 1-2  leichter Regen. Es ging noch mal durch viele kleine Ortschaften, die Sonne kam raus, in der Vorgärten spielten Kinder, eine gewisse Stille in meinem Kopf, die einfach nur schön war und ich konnte es genießen. Ich wurde schon fast etwas aus meinen Gedanken gerissen als ich kurz vor einer Abbiegung freundlich angebrüllt wurde ob es mir gut geht und ich alles habe. YES, brüllte ich und mir wurde klar warum sie fragten, viele viele Kilometer im Hinterland, kein Haus, kein Geschäft, kein Mensch und kein Ordner für eine recht lange Zeit. Dann wurde es langsam dunkel, es wurde langsam ein wenig zivilisierter und ein Passant erinnerte mich daran meine Beleuchtung am Rad anzuschalten. Diese hielt ganze 30 Minuten bevor die Batterie leer war, klasse. Ich hielt an und ein zufällig vorbeifahrender Helfer, hielt ebenfalls sofort an und wechselte mir die Akkus. 2 Km später war ich im Ziel von Stage 5. Fit, munter und motiviert. Geile Scheiße. 5 von 6 DONE! Die Uhrzeit 19:29 Uhr, also „musste“ ich weiter machen!  



Der Marathon - Stage 6

 

Eine Art Kneipe diente als Wechsel für die letzte noch fehlende Etappe. Der Marathon stand an. Hier halfen sich alle einfach wunderbar. Quatschen etwas, tauschten sich aus. Ich bekam eine Suppe von den Helfern. Obwohl, ich weiß gar nicht ob ich schon geschrieben habe, das Rennen ja komplett „ein Selbstversorger“ war, keine Verpflegungspunkte, keine Hilfe von außen, nur Wasser wurde gereicht. Unter anderem diesen Punkt hatte ich ja komplett unterschätzt und dieser führte überhaupt erst zu den vielen Schwächephasen. Doch beim letzten Wechsel war alles anders. Auch bei „Hilfe von Außen“ wurde mal ein Auge zugedrückt. Ich nahm mir ganz bewusst 30 Minuten Zeit für den Wechsel. In Ruhe umziehen, alles neu Sortieren, Kopflampe und Batterien checken, zur Toilette, durchatmen, konzentrieren und um Punkt 20 Uhr ging es durch den kompletten Glenveagh National Park. Mittlerweile war es stock dunkel, die Strecke flach und ich kam richtig gut ins laufen, überholte viele Mitstreiter und konnte ein Tempo unter 6 min/km für circa 10 - 12 km halten. Dann wurde es steiler, ziemlich lang ging es Berg hoch. Es zog sich. Es regnete wieder. Es wurde ungemütlich und die Dunkelheit fühlte sich komisch an. Es gab einen letzten Wasser-Verpflegungspunkt, ich nahm eine Flasche und bog ab. 

 

Zappenduster ab hier. Keine Autos mehr, keine Helfer, kein Licht von anderen Läufern. Ab hier zog sich das Feld endgültig komplett auseinander. Es ging über leichte Trails rauf und runter, links und rechts. Hinter mir keine Kopflampe, vor mir keine Kopflampe und ich entdeckte keine Streckenmarkierung mehr. Doch es gab auch nur einen Weg, hoffte ich! Dem war so. Dennoch war ich lange unsicher. Immer wieder Traben, Laufen, Wandern, doch nie stehen bleiben. Ich schob mich Kilometer für Kilometer vorwärts. Ich kann gar nicht genau sagen wie sich der Körper jetzt anfühlte. Es ging einfach immer weiter. Irgendwann recht plötzlich ein Schloss und ein weiterer VP mit Wasser. Zwei Helfer standen irgendwo im nirgendwo, mitten in der Nacht. Ich lief entlang des Lough Veagh, bog rechts ab, eine ewige Steigung, klarer Himmel, keine Wolken, fast Vollmond, Sternenhimmel, sau gut. Ich überholte zwei weitere Läufer und sah das  Ziel. Luftlinie  2  Km würde ich schätzen. Auf dem Track noch mindestens 12. Fuck! Ein weiterer Wasser-VP und hier wurde mir bestätigt, „only 10 to go, it is nothing compared to what you have done already.“ Thank you.

 

Finale

 

Man konnte das Ziel hören, das Bootshaus sehen, dann ging es noch einmal ordentlich weit weg, komplett entgegen gesetzt. Und jetzt wurde es zäh. Die Gedanken kreisten, der Körper wollte nicht mehr. Was eine kacke, immer noch so weit und es wurde kaum weniger und meine Schritte immer langsamer. Ich versuchte mich zu orientieren, irgendwann muss es doch mal links herum gehen, irgendwann muss doch diese eine Straße kommen, die du schon kennst, zurück zum Bootshaus, zum Start/Ziel. Dann kam sie, nur noch gradeaus und endlich wieder Menschen und ein paar wenige Lichter. Ein Auto hielt an und der Ordner brüllte „only three to go, come on“! Das war mal richtig geil, ich konnte nur noch nicken und kam wieder in einen leichten Laufschritt. Ein helles Licht an einem Streckenpfeil signalisierte die aller letzte Kurve, es ging leicht bergab, leicht links herum und irgendwann wurde mir klar, das hier ist die Straße auf der wir gestern morgen, vor knapp 21 Stunden gestartet sind. Der Zielbogen wurde von links nach rechts sichtbar, die Musik deutlich hörbar, die Moderatorin sagte auf deutsch „Herzlichen Glückwunsch“ und ich lief um 1:43 Uhr durchs Ziel! Finisher Medaille! Wie wahnsinnig sind wird, dass uns dieses Stück Blech oft so sehr erfreut und motiviert! Man habe ich mich auf dieses Teil gefreut und dem entgegen gefiebert. Ich wollte mit aller Kraft finishen, nicht auf Gedeih und verderben aber mit allem was ich an diesem Tag zu leisten im Stande war. Das  Gefühl im Ziel war so gigantisch und überwältigend. 

 

Sean war im Ziel, ich bedanktem ich dafür, das er mir sein Rad geliehen hat, der Zeitnehmer vom Muckish Mountain war auch mittlerweile im Ziel und befreite mich von GPS Tracker und Armband. Er erkannte mich wieder und sagte nur, ey man du wolltest am Muckish doch schon aufhören. Du siehst wieder richtig gut aus. Muckish lag zu diesem Zeitpunkt knapp 10-11 Stunden hinter mir. Was ein Tag, mein bisher längster Tag. Mein bisher besonderster Tag. Knappe 1,5 Stunden saß ich noch im Ziel, dann ging es irgendwie unter die Dusche und irgendwie ins Bett! 

 

Am nächsten Morgen traf man noch mal alle wieder. Jeder humpelte eine wenig, jeder war glücklich und die Stimmung unvergleichlich. Das Bike musste noch abgeholt werden, die Drop Boxen ebenfalls, als alles verstaut und erledigt war ging es es glücklich und zufrieden zurück. 

Und jetzt reicht es auch, sonst hätte ich auch ein Buch schreiben können. 

 

Ihr findet alle Informationen zum Race auf www.therace.ie // Streckenprofile, Regeln, Teilnehmer und und und …. und ganz wichtig auch die Möglichkeit zur Anmeldung zum The Race 2020! 

 

Irland, das war gigantisch, in jeder Hinsicht! Cheers!  


"The Race is a 250 km unsupported endurance event across the rugged landscape of North West Donegal. To finish competitors have to complete 15km of kayaking, 166km of cycling, 5km of mountain running and 64km of road and trail running. Crucially, they must complete all this in under 24 hours. It is aimed at providing the ultimate 24 hour test of endurance."